Mittwoch, 12. Juli 2017

Freiheit und Sicherheit

Bei meiner Studienabschlussfeier gab mir meine liebste Tante mit auf den Weg, sie wünsche mir, dass ich stets die ausgewogene Mischung aus Sicherheit und Freiheit in meinem Leben finden möge.

Jetzt, zehn Jahre später, bin ich in einem sehr sicheren Leben angekommen.
Verheiratet, drei Kinder, eine geregelte Arbeit, ein stabiler Freundeskreis,
der Jahreszeitenzyklus des Gartens, Hühner die ortsbindend und Kinder, die zeitbindend sind.
Ich überleg mir vielleicht mal ein neues Hobby auszuprobieren oder spekuliere damit Cello zu lernen, doch im Großen und Ganzen gibt es in meinem Leben keine nennenswerten Neuerungen, Überraschungen. 
Unvorhergesehenes ist nicht eingeplant.
Nicht, dass ich das alles nicht wollte, doch mein Leben hat sich so eingespielt, dass diese Dinge nicht vor kommen.

Vor Jahren war mal eine Reise geplant.
Zwei Monate Südamerika sollten es werden, doch daraus wurde nichts, wir sind jetzt zu fünft.
Und nebst dem Wehmut nicht fahren zu können, gab es ganz vieles in mir, das da gar nicht böse war.
Dabei war ich stets ein Mensch, der gerne herumgefahren ist.
Reisen macht Spaß, auch wenns manchmal scheiße anstrengend ist und es einem sehr viel abverlangen kann.

Die ganze Entwicklung der letzten Jahre ist schleichend passiert und ich habe mich immer mehr in die Rolle als Mama eingefunden. Ich fühle mich wohl darin und hab mein Leben, wie ich es führe sehr sehr gern.

Doch vor bald zwei Wochen stellte mir jemand, den ich gar nicht kenne auf einem Hügel über einem Festival die Frage, ob ich glücklich sei.
Eigentlich eine leicht zu beantwortende Frage.
Klar, bin ich glücklich. 
Ich darf mir alle zehn Finger abschlecken, wie es das Leben mit mir meint und was mir alles geschenkt wird.
Doch ich, ich schwieg.
Und das ziemlich lange.

Und da erkannte ich, was mir fehlt.
Da erkannte ich die Kehrseite dieses schönen Lebens.
Den Teil, der zu kurz kommt.
Es ist die Freiheit!
Ich habe am Open Air in St. Gallen einen riesengroßen Schluck Freiheit getrunken.
Dabei wusste ich davor gar nicht, wie durstig ich eigentlich bin.

Es war ein wunderschönes Wochenende, ganz ohne Plan!
Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe keinen einzigen Plan gemacht. 
Gar keinen.
Für mich ist das eine Leistung, ich liebe Pläne und Listen.
Ich, wir haben in den Tag hineingelebt und die Zeit richtig gut genossen.

Als ich wieder Zuhause angekommen bin, 
hab ich mich gefreut auf meine Familie.
Ich hab sofort wieder alles so geschupft wie eh und je.
Bin innerhalb kürzester Zeit wieder in meine Rolle gehüpft.
Das Gefühl der Freiheit ist lediglich noch fragmentarisch in meiner Erinnerung vorhanden,
doch dieser Eindruck reicht aus, um zu wissen, dass ich das immer wieder brauche, um mich als "ganzer Mensch" zu fühlen.

Es gibt da schließlich noch einen Teil, der nennt sich Alina. Ohne Frau, ohne Mama, einfach nur Alina. Und der braucht gelegentlich auch mal was.
In diesem Fall ein Wochenende voller Musik und stundenlangem Tanzen.

Ich weiß nicht, wie es euch da draussen geht, ich gehe davon aus, dass viele von euch ebenfalls Kinder haben und eines dieser geregelten Leben führen, die einem zum einen voll taugen, man fühlt sich wohl, schupft den Laden und schließlich ist es auch das, worauf man hingearbeitet hat,
das einem zum andern aber, als man jünger war, ziemlich spießig und altbacken vor kam und man sich schwer vorstellen konnte diese Art von Leben über einen längeren Zeitpunkt auszuhalten.

Ich mags, wie es ist.
Ich mag die Aufgaben, die ich habe, das Begleiten meiner Kinder, das ein Heim schaffen.
Ich mag meine Arbeit, meinen Freundeskreis und meine Hobbys.
Ich werd dieses Leben auch noch jahrelang so mögen.
Und ich mag und ich brauche auch eine gewisse Dosis Freiheit.

Möglicherweise kommt dieses Bedürfnis erst jetzt daher, weil die Kinder aus dem "Gröbsten" (da mein ich grad mal das Allergröbste - sie sind rein, essen selbstständig, ziehen sich selber an etc.) raus sind und ich grade körperlich nicht mehr so stark an eines der Kinder gebunden bin.

Es kommt quasi jetzt daher, weil es jetzt auch Platz hat.

Für nächstes Jahr ist fix ein weiteres Festival geplant und wenns bis dahin wieder mal pressiert mit dem Freiheitstrieb, dann findet sich bestimmt eine Möglichkeit für eine Auszeit.


Jetzt grad brauch ichs nicht, bin überhaupt nicht durstig,
im Gegenteil, die Ferien stehen vor der Tür, ich arbeite nur noch diese Woche
und dann... ja dann werde ich mal eine Liste schreiben mit allem, was wir in den Ferien tun wollen und können! :-)
Ich freu mich drauf!

Alina


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